Breitenau-Berlin mit 120 Tonnen

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Schuby
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Breitenau-Berlin mit 120 Tonnen

Beitragvon Schuby » Di 24. Jul 2018, 00:20

Neulich hatte ich einen Transport mit einer tschechischen Spedition vom Grenzübergang Breitenau nach Berlin.

Geladen war ein knapp 70 Tonnen schwerer Raupenkran, der komplette Zug hatte etwa 120 Tonnen Gesamtgewicht.

Ich bin mit den Jungs von dieser Spedition schon öfter gefahren, leichte Sprachbarrieren wurden auf deutsch-englisch irgendwie übermittelt, so konnten auch diverse Auflagen umgesetzt werden, meine "Anweisungen" wurden fast wortwörtlich übernommen, teilweise viel zu wörtlich ...

Ich hatte, unter anderem wegen der Sprachbarriere, die Aufgabe, etwa 1 - 2 Stunden vor Ankunft auf dem Übernahmerastplatz die Blaulichter anzurufen, die sicherten den Transport in Berlin nach vorne und hinten ab.

Gerade auf die A13 gefahren, klingelte mein Hallofon.
Ich, wie immer, weil ich nicht sehe, wer anruft: "Firma Stephan, der Henry hier?"
"Ach, hallo Herr Henry, hier ist Polizeiirgendwas, Schwertransportgruppe Berlin. Das ist ja toll, endlich mal eine deutsche Stimme!"

Wer in Großstädten, insbesondere Berlin, mit einem STP unterwegs ist, kennt die teils übereifrigen Paragraphenreiter, die alles und jedes wissen wollen, sämtlich Dokumente sprichwörtlich auseinandernehmen und auch die Ladung penibelst kontrollieren. Daher war ich einigermaßen überrascht, dass ich mich mit diesem Kollegen völlig locker schon am Telefon unterhalten konnte. Die letzten Transporte von und nach Berlin liefen alles andere als kollegial ab ...

"Wann seit ihr denn auf der Raststätte Berstetal?"
"Wir haben noch etwa 100km."
"100km??? Wie schnell fahrt ihr, 60? Das dauert ja noch ewig!"
"Nö, wir fahren im Rahmen des Erlaubten, also 80, 85, noch etwa anderthalb Stunden. Ihr könnt euch doch nen Kaffee holen, wenn ihr schon auf der Raststätte steht, ihr sitzt doch bestimmt schon drin?"
Gelächter am anderen Ende und ein "Bis nachher!"

Ok, DER scheint ja mal in Ordnung zu sein. Er sagte noch, dass er mit seiner Gruppe die Schwerlastspur für uns geräumt hat.
Wird ja immer besser ...

Frohen Mutes fuhr ich weiter meinem STP hinterher, 10km vor der Raststätte rief ich nochmal an: "Hallo Herr Blaulicht, hier ist Herr Henry, wir sind in 10km bei euch!"
"Hey, Super, wir räumen den Rest für euch, bis gleich."
Weiter ungläubiges Staunen meinerseits, ob der Freundlichkeit.

Auf der Raststätte angekommen emsiges Treiben von diversen Blaulichtern, mit geschaltetem Blaulicht: Einer stand direkt in der Auffahrt, die anderen erledigten irgendwelche anderen Sachen. Kurz nach dem Einparken tönte es von weitem: "Herr Henry???" Mit ausgestrecktem Arm und schnellem Schritt kam er auf mich zu, schüttelte mir die Hand und nannte mir noch seinen Vornamen.
So langsam konnte ich nicht glauben, was hier geschah.

"Hattet ihr durch unsere Kollegen von der Polizei in anderen Bundesländern eine Kontrolle?"
"Nö, hatten wir nicht, ich weiss auch nicht, was in Tschechien abgelaufen ist."
"Tschechei interessiert mich nicht. Ich brauche dann alle Dokumente vom Transport, LKW und Auflieger, von dir die üblichen Papiere, dann spulen wir mal das volle Programm ab."
Oh, ooohhhh ...

Nix, alle Papiere in bester Ordnung, Ladungssicherung OK, alle Maße unterhalb des geschriebenen in der Genehmigung.
"Mein" Blaulicht, dass meine Papiere kontrollierte, lies sich noch das BF erklären, er war wohl recht frisch dabei.

Dann gings zum Blaulichtbulli, in dem die Papiere geprüft wurden. Erst hier bekam ich mit, dass insgesamt 4 Fahrzeuge der Blaulichtfraktion mit insgesamt 8 Beamten vor Ort waren. Was haben die nur vor?

Dann gab der nette Herr Blaulicht seinen recht jungen Kollegen den Erklärbär in die STP-Genehmigung. Alles, auch seinen Kollegen gegenüber, auf wirklich netter Augenhöhe.

Dann besprachen wir die Strecke über den Berliner Stadtring. Ich merkte an, dass ich mit dieser Spedition erst vor ein paar Tagen zur gleichen Baustelle, aber ohne Polizei, weil unter 100 Tonnen, gefahren bin. Kurz vor dem Ziel gibt es eine Baustelle, da stehen Warnbaken so eng in der Baustelle, dass wir englisch, also durch den Gegenverkehr, fahren müssten. "Gute Bemerkung, ich kenne die Örtlichkeit nicht, sagst mir dann über Funk bescheid."
Ich: "Dann noch eins. Die Kilometrierung auf dem Stadtring ist teilweise überhaupt nicht vorhanden, so kann ich, obwohl ich Berliner bin, keine Brückenauflagen umsetzen. Ich mache den Vorschlag, dass ich nach den Schönefelder Tunneln Überholverbot für LKW setze und aufgrund der Überbreite (4,75m) der STP Spur eins und zwei fährt. Dann haben wir zwei Brückenauflagen: Brücke über die B96, Flughafen Tempelhof mit 25km/h, mittig fahren und Bundesallee, auch 25km/h, komplett zu. Also absolutes Überholverbot."
"OK, das machen wir so, guter Vorschlag! Aber von diesen Brückenauflagen weiss ich nichts, wo stehen die? Ich habe etwas andere Infos."
Es wurde eifrig in der Genehmigung geblättert und gefunden.
"Gut," meinte Herr Blaulicht, "dann wisst ihr aber auch, dass die Brücke Gradestraße mit 5km/h gefahren wird und die Brücke über die Wexstraße zusätzlich von weiteren Kollegen die Gegenspur gesperrt wird, um Alleinfahrt zu garantieren? Und dann haben wir noch die Brücke über die Bundesallee, auch mit 5km/h, nicht 25."

Öhm, nööö? Davon steht auch nix in der Genehmigung.
Ungläubiges Staunen bei den Blaulichtern, "Wir machen das aber so."
Das war das einzige Mal, dass ich Herrn Blaulicht etwas resoluter erlebte.
"Spricht der Fahrer deutsch, versteht er mich?"
Der Fahrer: "a little english."
Dann würde Herr Blaulicht mit mir auf deutsch reden, mit dem Fahrer auf englisch.
BESTENS!

So fuhren wir dann gemächlich los, Richtung Berlin.
Gegen 23:00 hatten wir die Schönefelder Tunnel hinter uns, die Blaulichter fuhren nur noch gut 40km/h, wir tuckerten hinterher, hinter mir hatten die Kollegen komplett zugemacht.
An der Anschlussstelle Adlershof mussten wir, auch eine Brückenauflage, von der Autobahn runter, um auf der anderen Seite wieder aufzufahren.
Ich glaube, ich muss nicht erwähnen, dass zwei der vier Fahrzeuge für uns die Autobahn dichtgemacht haben, damit wir mit rund 10km/h wieder auf die Bahn raufkonnten? Da hats ne ziemliche Steigung.
Meinem Fahrer hatte ich schon vor der Tunneleinfahrt mitgeteilt, dass er am Tunnelanfng schon mal Dampf rausnehmen soll. Nachdem wir fast den Britzer Tunnel durchquert hatten, gings mit der ersten 5km/h-Auflage los. Ich, Sprinter, 2. Gang, Standgas, rollen lassen, teilweise runter in den ersten.
Blick in den Rückspiegel, ach du Sch... da ist ja nen Stau bis zur Raststätte Berstetal 50km weiter zurück ...
Ich über Funk: "Begleitfahrzeug an Blaulicht?"
"Blaulicht hört!"
"Habt ihr mal in die Spiegel gesehen, hinter uns ist die Hölle los. Ich würde vorschlagen, dass wir bis zur Abfahrt Konstanzer Straße komplett zulassen, sonst können wir die restlichen Auflagen nicht umsetzen, die fahren uns die Autos kaputt, wenn ich nur auf Überholverbot für LKW setze!!!"
"Alles klar, guter Vorschlag, machen wir so."

So gings dann, mit Ausnahme der restlichen 5km/h Brücken, gaaaanz gemääächlich mit rund 15km/h bis Abfahrt Konstanzer Straße. Abwechselnd machten die Blaulichter die Autobahnauffahrten dicht, damit uns ja keiner stören konnte.
Genial.

Vom Stadtring bis zur Baustelle waren es nur noch rund 3 Kilometer, der Gegenverkehr wurde teils mit Durchsagen am weiterfahren gehindert, Kreuzungen wurden zugemacht. Dann die Baustelle kurz vorm Ziel, gnadenlos in den Gegenverkehr, die hielten alles an, was sich auf auf der Straße auch nur annähernd bewegte, damit der STP englisch durch die Baustelle fahren konnte.

An unserem Ziel angekommen haben wir noch kurz geplauscht.
Wir beide haben uns für die tolle Zusammenarbeit bedankt, uns gegenseitig auf die Schulter geklopft. Sowas mache ich normalerweise nicht, aber DER hat damit angefangen. Ich hab auch noch kurz angemerkt, dass ich einen so kollegialen Transport in Berlin noch nie durchgeführt habe.

Die STP-Fahrer haben dann in der Baustelle ihr Geschoss abgeladen und alles wieder zusammengebaut. Der Rückweg bis zur Anschlussstelle Duben war unspektakulär, sie brauchten mich aber in den Baustellen auf der A13 noch als BF3. An der Raststätte Rüblingsheide habe ich mich von den beiden Fahrern verabschiedet und hab mir einen Schlafplatz gesucht.

Wer sich übrigens wundert, warum uns die Polizei doch recht weit vom Berliner Stadtgebiet abgeholt hat: IN Berlin gibts keinen Platz, wo so ein STP kontrolliert und übernommen werden könnte, jedenfalls nicht, wenn man von der A13 kommt. Zusätzlich gibts noch Hindernisse in Form von Baustellen, an oder in denen kein Platz ist, selbst wenn genügend Platz wäre.
Mal hier, mal da

Gruß Henry

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Zita
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Re: Breitenau-Berlin mit 120 Tonnen

Beitragvon Zita » Di 24. Jul 2018, 10:59

Henry, ich mag Deine Art, aus einer nicht alltäglichen Nacht eine Geschichte zu machen. Leider erlebt man so ein nettes Miteinander viel zu selten und die nervigen Kleinigkeiten haben auch eine größere Chance darauf, erzählt zu werden.

Vielen Dank dafür!
... der werfe den ersten Stein!

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Re: Breitenau-Berlin mit 120 Tonnen

Beitragvon Schuby » Di 24. Jul 2018, 12:17

Das ist ja leider immer öfter so:
Negatives bleibt viel zu lange in den Köpfen.

Positives, woraus man auch Kraft schöpfen könnte, vor allem in unserem Job, wird meist nur lapidar und am Rande angemerkt, sozusagen als Fußnote.

Ich bin am überlegen, dem Polizisten, seine Nummer hab ich noch, den Link zum Text zu schicken.
Mal hier, mal da

Gruß Henry

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Re: Breitenau-Berlin mit 120 Tonnen

Beitragvon Zita » Mi 25. Jul 2018, 14:13

... der werfe den ersten Stein!


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